Das Requiem – Zeichen auf Papier

Ein Projekt mit Lara Faroqhi, Juliane Manyak, Steffen Tast und Schülern der Sophie-Scholl-Schule

Vor ein paar Wochen hat das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin das Requiem von W. A. Mozart im Konzerthaus am Gendarmenmarkt aufgeführt. Die Proben dazu waren der Auftakt zum Projekt „Mozart visuell“. Wir luden vier kooperierende Schulklassen ein. Die Kunstklasse und die Willkommensklasse der Sophie-Scholl-Schule traf ich vor einer der Proben. Wir nahmen uns Zeit.
Juliane Manyak, Steffen Tast und ich stellten das ungewöhnliche und spannende Projekt vor und sofort wurde es praktisch.
Was hat Musik mit Kunst zu tun? Wo begegnen sich die beiden Ausdrucksformen?

Im Haus des Rundfunks begegnen wir den Schülern das erste Mal.

Wir ließen den Schülern dabei großen Freiraum. Sie konnten freien Bildassoziationen nachgehen, den Melodieläufen mit Linienverläufen folgen, das Orchester oder die Probenräume zeichnen. Die meisten Kinder assoziierten freie Bilder.
Ist das eigene Erleben dieser Musik wie ein Steg, der über eine Wasseroberfläche führt? Wellen, die mal stärker, mal schwächer tanzen? Oder hört sich die Musik so traurig an, dass aus einem riesigen Auge Tränen fallen müssen, die zu Regen werden? Die Figur schützt sich notdürftig mit einem Schirm und kauert scheinbar bewegungsunfähig.
Oder weckt die Musik Erinnerungen an den syrischen Krieg, der die Menschen sprachlos gemacht hat?

 

 

 

 

 

Diese Zeichnungen haben Steffen Tast und Juliane Manyak auf ihren Geigen in Musik umgesetzt.
Dieses Mal im Raum, der den Schülern vertraut ist, der Sophie-Scholl-Schule in Berlin-Schöneberg.

 

 

Die Schüler versuchten, den Tönen mittels der „Bildpartituren“ zu folgen. Das funktionierte überraschend gut. Gefühle wie Trauer, Angst, Krieg, lassen sich sowohl musikalisch, als auch bildhaft scheinbar eindeutig darstellen. Arabische Schriftzeichen werden dabei zu abgehackten, wehmütige Tonkringeln. All das sind subjektive Äußerungen der Jugendlichen und der Musiker und doch werden sie verstanden, ohne Worte.


Dieser Entdeckung gingen wir weiter nach. Die Kinder folgten mit Bleistift und Kohle den Klängen von „Confutatis“, diesem fast plakativ deutlichem Wechsel zwischen harten Männerstimmen und weichen Melodieverläufen des Frauenchors. Kann eine einzige Linie diese Wechsel darstellen? Wie? Mal wird die Linie hart und eckig, dann weich, zart und rund.
Daraus lassen sich noch andere Gegensatzpaare herleiten, die sich bildlich darstellen lassen: schwer / leicht; schwarz / weiß; schnell / langsam. Die Kinder der Willkommensklasse ordneten auch sofort gut / böse und Licht / Schatten in diese Liste.

Die Willkommensklasse mit ihrer Lehrerin Frau Sandmann

Sie teilten ein traumatisches Ereignis miteinander, dass sie nicht nur räumlich, sondern vor allem seelisch verankern können und hier hoffentlich ausdrücken dürfen. Mir schien, dass das Schwarz der Kohle für diese Kinder eine ganz konkrete Bedeutung hatte. Und der Radiergummi, der das Schwarz aufhellen kann, ebenso.

Aber auch die SchülerInnen der Kunstklasse verstehen diese Sprache, wenn auch die kollektive Dringlichkeit nicht so deutlich wurde. Jede/r einzelne rang trotzdem um einen angemessenen Ausdruck auf die gespielte Musik. Das mag Widerstand hervorrufen („Ich kann nicht nach Musik malen“, sagte ein Schüler frustriert.) Dann muss man sich anderen Wegen öffnen, um dennoch Teil dieser Entdeckungsreise zu werden. Zu Beginn der Stunde waren die Zeichnungen eng und unentschlossen gesetzt, aus dem Handgelenk entwickelt.

Die Kunstklasse von Frau Busse / Frau Lutscher (7. Klasse)

Oft bedeckten die zaghaften Striche kaum ein DIN-A4-Blatt. Im Verlauf des Sich-Hinein-Hörens, des sich Anvertrauens wurden die Bewegungen der Kinder runder und größer, der ganze Arm wurde benutzt, um eine Linie zu entwickeln, das ganze Blatt ausgefüllt. Am Ende der Blockstunde, während Jule und Steffen noch einmal den ersten Teil des „Confutatis“ spielten, war es, als sei die Gruppe ein eigenes kleines Zeichenorchester geworden, die Stifte bewegten sich im Einklang mit der Musik über die Blätter; die Musik und das Bild wurden tanzende Partner. Die anfängliche Anspannung der Kinder wandelte sich in Zutrauen in die eigene Körpererfahrung. Kinder, die vorher klare szenische Vorstellungen hatten, gaben sich dem Klang des Augenblicks hin, improvisierten mit einfachen Formen und Strichen, Wertungen konnten in diesem Moment beiseite gelassen werden.

Wir freuen uns auf die nächste Begegnung. Dann kommt Farbe ins Spiel …

Juliane Manyak und Lara Faroqhi

Ein Beitrag von Lara Faroqhi

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