Bild auf Ton

Ausdruck kann viele Gestalten annehmen. Wir Musiker haben das Notenbild vor Augen. Dieses Ausgangsmaterial setzen wir um. Dabei entstehen beim interessierten Zuhörer Bilder im Kopf.

Heute, zu Beginn der Unterrichtsstunde mit Lara Faroqhi und mir versuchen wir das ganz bewusst.
Wir nehmen zunächst nicht den kleinen Däumling von Maurice Ravel, sondern ich spiele den Schülern ein zweites Mal den 1. Satz aus dem Streichquartett von Philip Glass vor.
Dieses Mal mit der konkreten Aufgabe, die verschiedenen Tonarten herauszuhören und ihnen Farben zuzuordnen. Nicht einfach, aber die Schüler lassen sich auf diese provokative Herausforderung ein.
Die Parameter des Stückes sind legato, also fließende immer wiederkehrende Akkordfolgen in unterschiedlicher Dynamik und die verschiedene Tonarten.
Die Schüler haben ganz unterschiedliche und trotzdem passende Assoziationen.
Dunkle Farben im piano, helles Gelb auf der E-Saite.
Jemand, der auf der Flucht ist.
Ein rennendes Pferd.

Jeder sucht sein eigenes Bild, seinen eigenen Schwerpunkt.
Das ist wichtig. Jede Kunst braucht die Seele des Künstlers.

Gestaltete Partituren

Gestaltete Partituren

Wir machen uns weiter auf der Suche nach Ausdruck.
Die Partitur von Ravel hängt an der Tafel.
Ravel gibt uns das Skelett.
Aber die Schüler sind schon weiter.
In einer Musikstunde mit ihrer Lehrerin Marianne Grenz haben sie sich mit der Notation beschäftigt, wie Musiker es tun. Welcher Takt ist geschrieben, Taktwechsel zur Aufweichung des Metrums sind hier exemplarisch für den Impressionismus zu sehen. Die Klangfarben, der ultimative Begriff des gesamten Projekts, werden durch Angaben wie „sourdines“, „sur la touche“, „gliss“ oder „tres expressiv“ herausgelesen.

Wir haben aber zusätzlich die Geschichte des kleinen Däumlings.
Wir haben das Märchen gehört, den Teil der Geschichte gefunden, den Ravel in seinem kleinen Stück vertont. Die Elemente Angst, Einsamkeit, Wald, Vögel, Hoffnung, Zweifel herausgehört.

Jetzt fangen wir an, das Skelett, das Ravels Partitur uns gibt mit unseren eigenen Schwerpunkten, unseren eigenen Interpretationen anzukleiden.

Anhang 2Kann man die Vögel in der Partitur sehen?
Wo ist der Weg?
Eindeutig!
Zu Beginn. Der Weg ist schon immer da. Die Melodie des Däumling setzt mit dem Solo der Oboe erst in Takt 4 ein.
Das Stück endet auch mit dem Weg.
Der Kreis schließt sich. Hoffnungsvoll, zart in C-Dur. Vier Solobratschen sind im „Flageolett“ notiert.
Aber wie geht es dem Däumling?
Hat er sich am Ende des Stückes verändert?
Haben ihn die Begegnung mit den Vögeln und die Einsamkeit im Wald, dieser rauscht im gesamten Orchester „forte tres expressiv“, verändert?

Wir glauben, es hat ihn verändert.
Wir lesen in der Partitur das Motiv des Däumlings nachdem er Wald und Vögel überstanden hat erstmals nicht in nur einem Soloinstrument, sondern in der Flöte und dem Solocello unisono.
Eine sehr interessante, reiche Klangfarbe.
Gestärkt. Fundamentiert durch das erdige Cello und beseelt durch den hohen Klang der Flöte.

In der nächsten Stunde werden die Schüler, die schon erstaunlich tief in der Materie verankert sind jeweils eine Doppelseite der Partitur bearbeiten.
Mit Farben, Collagenmaterial, Kleber und ihrer eigenen Inspiration.

Die Klangfarben nehmen Gestalt an.

Freie Partituren

Freie Partituren

2015-04-30 12.37.59
Ein Beitrag von Juliane Manyak

 

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