Ich fühle die Geige wie ein Körperteil

 

Eine ungewohnte Rolle war es, die der erste Konzertmeister des RSB Erez Ofer Mittwoch Abend übernahm: Während sich die Kollegen auf ein Konzert zu Ehren des Jubilars Richard Strauss vorbereiteten, erwarteten ihn in der Universität der Künste im Seminar „Das Orchester“ der Reihe „Klassik für Laien und Liebhaber“ etwa 20 interessierte Klassik-Freunde zum Gespräch.

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„Ich weiß gar nicht, was ich da 90 Minuten lang erzählen soll,“, meinte Erez Ofer noch etwas ratlos unmittelbar vor Beginn des Seminars. Doch alle Zweifel waren vergessen, als Prof. Christoph Richter, der Begründer der Seminarreihe, den Abend mit der Frage eröffnete: „Wie war Ihr Werdegang bis hin zur Position als Konzertmeister?“ Und schon begann Erez Ofer zu erzählen. Dass seine Lehrerin in Israel ihn erst gar nicht annehmen wollte, weil er mit achteinhalb Jahren eigentlich schon „zu alt“ war, um mit dem Geigen zu beginnen, dass es von Anfang an „ernst“ war, er viel üben musste es neben Schule und Geige nicht viel gab. Die Zuhörer lauschen fasziniert und fragen interessiert nach.

Warum muss man so früh beginnen?
Erez Ofer erläutert, dass Kinder viel intuitiver lernen. Wenn man ein Instrument professionell spielen will, muss man das Instrument quasi spüren können. Es ist wie beim Lernen einer Sprache – ab einem gewissen Alter lernt man eine Fremdsprache anders, nicht mehr so selbstverständlich, sie wird keine Muttersprache mehr. „Ich fühle die Geige wie ein Körperteil,“, diese Aussage beeindruckt die Klassikliebhaber.

Wie hat es sich als Kind angefühlt, so gut zu sein?
Dass es einerseits war es toll, quasi ein „Star“ zu sein, der auch im Fernsehen auftrat, sagt Erez Ofer. Irgendwie habe er sich aber dennoch unwohl gefühlt, da Geige nicht wirklich „cool“ war.

Natürlich möchten alle nun auch Erez Ofer spielen hören – ein Stück aus dem Brahms-Konzert hat er mitgebracht. Die Seminarteilnehmer lauschen aus unmittelbarer Nähe gebannt dem virtuosen Spiel und dem beeindruckenden Klang des RSB-Konzertmeisters.

Foto 3-2Nach langem Beifall die Frage:
Wie kommt man dazu, Konzertmeister zu werden?

Erez Ofer wurde nach seinem Sieg beim ARD-Musikwettbewerb vom Orchester des Bayerischen Rundfunks angesprochen, ob er sich nicht für die vakante Konzertmeisterstelle bewerben wolle. Erst dadurch wurde er sich überhaupt der Option bewusst, das Berufsleben im Rahmen eines Orchesters anzustreben.

Was denn nun die Aufgaben des Konzertmeisters sind, diese Frage ist sehr vielschichtig. Den Kammerton A nimmt er beim Stimmen von der Oboe ab, Stimmführer der Gruppe der 1. Geigen ist er natürlich und eine Art „Mittler“ zwischen Dirigent und Orchester sollte er sein. Die Frage, ob er denn auch eine Art Dirigentenfunktion habe, verneint der Konzertmeister entschieden:
„Nein, es kann nur einen geben!“

Das Heldenleben-Solo spielt Erez Ofer noch, viele weitere Fragen schließen sich an: Zu seinem Instrument, seiner Erfahrung mit zeitgenössischer Musik, zu Art seiner Beschäftigung im RSB und zum Kontakt mit anderen Orchestern. Ehe man es sich versieht, sind 90 Minuten vergangen, die Stimmung im Seminarraum ist gelöst und zugewandt.

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Prof. Christoph Richter (Mitte) und Erez Ofer (rechts)

Der Musiker und die Seminarteilnehmer sind sich offensichtlich ein Stückchen näher gekommen und vielleicht hört der eine oder andere nun auch die Musik mit etwas anderen Ohren, wenn das Rundfunk-Sinfonieorchester spielt und von dem Mann angeführt wird, den man nun hier ein bisschen besser kennen und schätzen gelernt hat.

Das RSB ist übrigens mit seinem Saisonabschluss noch einmal am kommenden Dienstag zu hören. Unter dem Dirigat des Maestros Kurt Masur erklingen um 20 Uhr in der Philhatmonie werke von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Und am 25.6. werde ich zusammen mit der Geigerin Juliane Manyak und dem Flötisten Rudolf Döbler wiederum zu Gast im Seminar sein. Um die Musiker-Ausbildung wird es noch einmal gehen, aber auch um die vielfältigen Formen des Organismus „Orchester“, die es mittlerweile gibt. Und natürlich darum, uns und unseren wunderbaren Beruf anderen Menschen näher zu bringen.

Ein Beitrag von Isabel Stegner

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